Kathrin Becker:
Der offizielle Körper im Kommunismus: Lenin



Der Tod Vladimir Ilich Lenins am 21. Januar 1924 versetzte die Sowjetunion in eine innenpolitische Krise. Durch den Verlust der die politische Identität der jungen Sowjetunion stiftenden und garantierenden Funktion Lenins drohte die Gefahr eines neuen Bürgerkrieges und des Kollapses des Sowjetregimes.

Die Konstituierung des Lenin-Kultes schien in diesem Zusammenhang geeignet, die drohende Gefahr abzuwenden. Zum Lenin-Kult gehören die Agit-Prop-Plakate aus den 20er Jahren, das Lenin-Museum, das Institut für Leninismus, die Lenin-Ecken, die Lenin-Biographien in ihren unterschiedlichen Redaktionen, das Lenin-Mausoleum, die Lenin-Bildnisse, -Skulpturen, -Denkmäler, -Fotografien usw.
Lenins Körper ist also eingebunden in eine Funktionalisierungstotalität, die in der Präsentation seines unvergänglichen Körpers im Lenin-Mausoleum mündet. Im folgenden soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit diese Präsentation unmittelbar mit den Erscheinungen der sozialistisch-realistischen Bildnismalerei verbunden ist. Im folgenden wollen wir uns dabei vor allem auf zwei Bereiche beziehen:

1) Die von der räumlichen und zeitlichen Präsenz unabhängigen Vergegenwärtigungen der Person in den Werken der Bildnismalerei aus der Phase des sowjetischen sozialistischen Realismus der 30er bis 50er Jahre
2) Die Vorführung seiner über den Tod hinausgehenden unveränderlichen physischen Präsenz im Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz

Die Lenin-Bildnisse

Bekanntermaßen läßt sich in der sowjetischen Malerei kein Bildnis Lenins finden, das zu seinen Lebzeiten entstanden wäre. Vielmehr setzt der Lenin-Kult erst im Jahre 1923 ein, als Lenin sich auf Grund seiner Krankheit aus den politischen Tagesgeschäften zurückzuziehen begann. Im Unterschied zum Stalin-Kult haben wir es also beim Lenin-Kult mit einer Erscheinung zu tun, die erst nach dem Tode der Kult-Person einsetzt und nahezu 70 Jahre nach seinem Ableben in der Sowjetunion konstant wirksam blieb. Für die nachfolgenden politischen Leader (v.a. Stalin und Breznev) hatte der Lenin-Kult eine vorbildhafte (prätextuelle) Funktion. Dabei konzentriert sich seine Konstituierung durch den sog. Eid anläßlich der Trauerfeierlichkeiten um Lenin im Jahre 1924 in Stalins Händen. In den Untersuchungen zur osteuropäischen Geschichte ist verschiedentlich auf den religiös-rituellen Charakter der von Stalin verwendeten Beschwörungs-formeln in seinem Eid auf Lenin hingewiesen worden ("Kljanemsja tebe, tovarish Lenin, chto my s chest´ju vypolnim etu tvoju zapoved´./Wir schwören Dir, Genosse Lenin, dieses dein Gebot mit Ehre zu erfüllen.") Stalin war seit diesem Tage wesentlich an der Herausbildung von Mechanismen für die Entstehung und Entwicklung des Kultes beteiligt. In der gesamten Sowjetzeit ist der Lenin-Kult dabei den sich modifizierenden Erfordernissen der Politik angepaßt worden. Zunächst war der Lenin-Kult geeignet, die integrative Wirkung der Figur Lenins für den Zusammenhalt der Sowjetunion aufrechtzuerhalten und Stalins "Machtergreifung" zu legitimieren. Ab 1929 anläßlich der 50. Geburtstagsfeier Stalins geriet der Lenin-Kult im Verhältnis zum erwachenden Stalin-Kult zunehmend in den Hintergrund. Nunmehr schien der Lenin-Kult im Sinne der Losung vom "Aufbau des Sozialismus" als Vorbereitung der Stalinistischen Politik und kontinuitätsstiftende Struktur interpretiert zu werden - im Gegensatz zu der sich im Stalin-Kult konstituierenen Auffassung vom "Entwickelten Sozialismus". Als Konsequenz läßt sich behaupten, daß beiden Führungspersonen unterschiedliche Arten der repräsentativen Darstellung zuzuordnen sind.

Dynamische Repräsentation in den Lenin-Bildnissen

Im Falle von Lenin fehlen nach 1932 und vor 1953 die klassischen Staatsporträts völlig. Anhand der rund 250 im Zuge meiner Untersuchungen zu den Lenin- und Stalin-Porträts hinzugezogenen Bildnisse ließ sich feststellen, daß vor allem das Designat der Handlung zur Charakterisierung Lenins dient. Lenin ist vornehmlich in einem aktiven Handlungsprozeß (d.h. in einer implizierten logischen Folge von Handlungen) dargestellt, d.h. bei der Arbeit am Schreibtisch, in Kriegszusammenhängen in den Tagen der Oktoberrevolution und des Bürgerkrieges und in kommunikativen Situationen als Redner oder Zuhörer in der Umgebung einer Gruppe von Personen. Diese Art der Darstellung läßt sich im Einvernehmen mit der Losung vom "Aufbau des Sozialismus" als "Dynamische Repräsentation" bezeichnen, in der das Handlungsrepertoire Lenins reduziert ist auf die der Vorbereitung der Stalinistischen Politik vom "Entwickelten Sozialismus" dienenden Aktivitäten. Im Gegensatz zu den Lenin-Bildnissen ist die Darstellung Stalins in den klassichen Staatsporträts vollkommen statisch. Bewegungslos in ruhig-frontaler Stellung geben die repräsentativen Bildnisse Stalins Zeugnis von der Auffassung, daß der Sozialismus - wenngleich nur in einem Lande - so aber in diesem vollkommen entwickelt sei. Stalin, der erste Erbauer dieses "Entwickelten Sozialismus", präsentiert sich auf der Grundlage des Erreichten, das ihm als Hintergrundsfolie zur Selbstdarstellung dient.

Entindividualisierung in den Lenin-Bildnissen

Die Darstellungen Stalins nutzen die Möglichkeiten einer psychologisierenden Darstellungs-weise. In der Geschichte des Staatsporträts dominiert in der Regel die Vergegenwärtigung durch mit dem Amt des Dargestellten verbundene, typische Eigenschaften, die die Vergegen-wärtigung des Menschen als Individulität untergräbt. Im Staatsporträt wird also üblicherweise auf die individuelle Charakterisierung des Herrschers in weiten Zügen verzichtet. Für das Stalinsche Staatsporträt läßt sich hingegen konstatieren, daß es aus ideologischen Beweg-gründen positiv sanktionierte individuelle Eigenschaften (Güte, Freundlichkeit, Menschlichkeit, väterliche Liebe usw.) besonders hervorheben mußte. Durch die fortwährende Wiederholung von diesen individuellen Charakteristika soll die Diskrepanz zwischen der vorgegebenen Wirklichkeit der Herrschaft eines "Gleichen unter Gleichen" und der realen Wirklichkeit der Terrorherrschaft verschleiert werden. Die vor- und dargestellten Eigenschaften der "persona repräsentata" sind im übrigen von den tatsächlichen individuellen Eigenschaften des Repräsentanten ganz und gar unabhängig. Aus denselben Beweggründen finden sich in bezug auf Stalin zahlreiche genrehafte Darstellungen, die Stalin mit Kindern, mit jungen Frauen (vgl. Shegal´s Bildnis "Vozhd´, uchitel´, drug"/"Führer, Lehrer, Freund" aus dem Jahre 1937), dem kranken Gor´kij usw. zeigt. In den repräsentativen Genreporträts wird die Individualität des Dargestellten vorgeführt, um im Appell an die Emotionen des Betrachters eine emotionale Verbindung zwischen dem Dargestellten und dem Rezipienten herzustellen. Damit liegt diesen Bildnissen auch auf emotionaler Ebene eine die "Projektionspotenz des Betrachters (mitbestimmende) Funktionalisierungsabsicht" (1) zugrunde.
Diese individuelle Dimension fehlt in den Darstellungen Lenins in den 30er bis 50er Jahren hingegen nahezu vollständig. Daher wird auch der unpersönlicheren Profildarstellung häufig der Vorzug gegeben. Der Tatbetand der Entindividualisierung läßt sich vor allem dadurch erklären, daß der Lenin-Kult eine Erscheinung ist, die erst nach dem Ableben der Kult-Person einsetzte. Das Kriterium für die Wahl der im Porträt zur Geltung gebrachten Eigenschaften des Herr-schers wird im Falle des ideologisierten Bildnisses üblicherweise vom Auftraggeber bestimmt, der mit dem Dargestellten identisch ist. Dieser Objektbezug des Porträts (2) ist im Falle der Lenin-Bildnisse (im Gegensatz zur klassischen Konstellation des Staatsporträts als Vergegenwärtigung des lebenden Herrschers) fremdbestimmt. Wesentlich ist, daß im Falle der Lenin-Bildnisse Auftraggeber und Porträtierter nicht identisch sind, so daß das Lenin-Bildnis den Belangen eines "fremden" Auftraggebers unterworfen ist. Mit anderen Worten hätte die individualisierende Darstellung Lenins für den Stalinistischen Herrschaftsanspruch keine wünschenswerte Funktion und wird daher vermieden.

Lenins Leben als Modellfall

Im Hinblick auf seine Wirkung (3) ist das Porträt im Sozialistischen Realismus politisch intendiert. Es richtet sich auf:
I. die Legitimation der Gesellschaftsordnung durch die Anerkennung der idealisierten Wirklich-keit in der "dialektischen" Vereinigung von der realen und der anvisierten Wirklichkeit (4)
II. die Legitimation der Gesellschaftsordnung durch die Anerkennung der Gegenüberstellung der binären Opposition von Neuem und Altem (bzw. Fortschritt und Reaktion)
III. auf die politische Erziehung der Massen durch die Veranschaulichung sozialistischer ideologischer Losungen nach dem Prinzip der "Volkstümlichkeit"
IV. auf Nachahmung durch den Rezipienten durch die Entwicklung und Vorführung von Identifikationsmodellen
Im Sinne einer Identitätsstiftung dient das Porträt der Herbeiführung und Aufrechterhaltung der Sozietät von Individuum und Kollektiv. Der Herstellung dieser Deckungsgleichheit der Interessen von Individuum und Kollektiv entspricht die auf eine Nachahmungsästhetik ausgerichtete Bildauffassung im Sozialistischen Realismus.Lenin wird der Interpretationserwartung des Auftraggebers entsprechend als Modellfall vorgeführt, der das Individuum zur Nachah-mung der vorgeführten Handlungen bewegen soll. Dabei impliziert diese Interpretationserwar-tung die Selektion derjenigen Taten aus dem Leben Lenins, die vorbildhafte Funktion für die Nachahmung durch den Betrachter haben können. Im Rahmen einer
sukzessiv entstehenden Lebensbeschreibung Lenins in den Porträts des Sozialistischen Realismus werden auch Momente aus seinen frühen Lebensjahren herangezogen. Diese Art der Selektion biographischer Momente und ihrer verallgemeinernden, zur Nachahmung anregenden Darstellung entspricht den Methoden einer Hagiographisierung.
In der Vergangenheit haben sich zahlreiche Untersuchungen den Analogien zwischen religiösen rituellen Formen der russischen Orthodoxie und den Erscheinungsformen des Sozialisti-schen Realismus gewidmet. Als einer der ersten Autoren beschreibt der russische Religionsphilosoph Nikolaj Berdjaev die Transposition religiöser Motive und religiöser Psychologie in eine anti-religiöse Sphäre, "so that the spiritual energy of religion flows into social channels, which thereby taken on a religious character, and become a breeding-ground for a peculiar form of social idolatry." (5)
Auch die slavistische und die historische Forschung beschreibt für den Sozialistischen Realis-mus die Verwendung traditioneller Symbole und Muster; die Reproduktion von Mustersujets aus Heiligen- oder Fürstenviten im sozialistisch-realistischen Roman, die der Mythisierung der Formen und Inhalte dient (6); die Strukturanalogien des sozialistisch-realistischen Erziehungs-romans zu russischen Heiligenviten (7) und die Übernahme religiösen Brauchtums bei der Methode der Kanonisierung Lenins (8).
Tatsächlich läßt sich auch für die bildnerischen Beschreibungen des Lebens Lenins eine Analogie zur religiösen Bildniskunst des orthodoxen Rußlands nachweisen. Das hagiographische Genre der Vita weist ein relativ stabiles Kompositionsschema auf, das sich gliedern läßt in die Abschnitte a) Herkunft, Kindheit und Jugend des Heiligen; b) Eintritt ins Mönchsleben, asketische Taten, geistige Kämpfe und Tugenden; c) Tod und postume Wunder. Die in der Vita geschilderten Momente finden in der sog. Vitenikone ihre bildnerische Entsprechung. Die Lenin-Biographien in ihren einzelnen Redaktionen, die vor allem im Hinblick auf die Details über die familiäre Herkunft Lenins variieren, funktionieren für die Lebensbeschreibungen Lenins wie ein Prätext, den die Porträtdarstellungen zu illustrieren suchen. Gemeinsam ist der Vita und der Lebensbeschreibung Lenins, daß sie - auch auf Kosten der historischen Details - zur Selektion biographischer Züge neigen, die der Idealisierung des Dargestellten dienen und zur Nachah-mung durch den Rezipienten dienen sollen. Das Spektrum der Darstellung reicht dabei von den Jugendjahren, in denen sich Lenin durch frühes politisches Engagement auszeichnet, über die Jahre der Läuterung im politischen Untergrund und der übermenschlichen Taten zur Vorberei-tung und Durchführung der Oktoberrevolution und dem Aufbau des Sozialismus bis zur erklärten Unsterblichkeit Lenins, die sich - wie ein postumes Wunder - am unvergänglichen Körper Lenins veranschaulicht.

Lenins Tod: die Unsterblickeit und das postume Wunder

"Ich bin die Auferstehung und das Leben;
wer an mich glaubt, wird ewig leben, auch wenn er stirbt;
und jeder, der lebt und an mich glaubt,
wird in Ewigkeit nicht sterben. (Johannes 11,25)

Bekanntermaßen dient das Bildnis der Sicherung der Gegenwart eines Menschen unabhängig von seiner räumlich-zeitlichen Präsenz. Der in diesem Sinne "unmittelbar vergegenwärtigte Mensch" (9) dokumentiert im Bildnis seine Allgegenwart, für die das Bildnis eine Stellvertreter-funktion einnimmt. Im Zusammenhang mit der sich konstituierenden neuen innerbildlichen Wirklichkeit erscheint der Dargestellte als unwandelbare Einheit. Zur Sicherung der Allgegen-wart des Dargestellten als Vorbereiter der Stalinistischen Politik war das Lenin-Bildnis in der sozialistischen Gesellschaft in ein Wirkungsgefüge eingebunden, das für die positiv sanktionierten Bildtypen die wiederholende malerische Kopie des
entsprechenden Motives durch den Autoren selbst vorsah (avtorskaä kopiä) und in einer unionsweit greifenden Kampagne die Verschickung dieser Bilder zur Präsentation in den öffentlichen Gebäuden, den Wohn-, Freizeit-, Arbeits- und Bildungsstätten vorsah. Gleichermaßen wurde das Lenin-Bildnis in das Gefüge der sog. Lenin-Ecken (als Nachfolgerin des Ikonenwinkels) eingefügt und auf den großen Paraden wie eine Prozessionsikone mit einer Tragevorrichtung versehen mitgeführt. Somit läßt sich behaupten, daß die Präsenz Lenins unabhängig von seiner räumlichen und zeitlichen Gegenwart durch die Porträts umfassend gesichert werden konnte.
Die Bol´shaja Sovetskaja Enciklopedija aus dem Jahre 1954 weis unter dem Stichwort "Das Mausoleum V.I. Lenins und I.V. Stalins" zu berichten, daß "in den Tagen der allergrößten, völkerübergreifenden Trauer unzählige Telegramme und Briefe der Werktätigen beim ZK der Partei und der sowjetischen Regierung eingingen, mit der Bitte, auf ewig den Körper Vladimir Ilic Lenins zu erhalten." (10). Wenngleich keine Dokumente über diesen Anflug von Nekrophilie der sowjetischen Werktätigen bekannt sind, läßt sich behaupten, daß es vor allem Stalin war, der diesem Bedürfnis nach einem Wunder entsprach. Gegen den erbitterten Widerstand von Trockij setzte Stalin persönlich bei einem unvollständigen Treffen des Politbüros die Einbalsa-mierung Lenins durch und veranlaßte alle in diesem Zusammenhang notwendig werdenden Schritte, wie die Autopsie und Einbalsamierung, die Überführung des Leichnams nach Moskau und die Aufbahrung desselben in der Haupthalle des Gewerkschaftshauses, sowie die Errichtung des Gebäudes des Lenin-Mausoleums auf dem Roten Platz in seinen drei Varianten.
Vielfach ist über einen möglichen Einfluß der weltweit Aufsehen erregenden Entdeckung des Tutenchamun-Grabes in Luxor im Jahre 1922 auf die dauerhafte Präparation des Körpers Lenins 1924 und die Errichtung der "pyramidalen" architektonischen Form des Mausoleums spekuliert worden. Tatsächlich ist die altägyptische Bestattungspraxis die in der Kulturgeschichte bekannteste Form einer künstlichen und auf den dauerhaften Erhalt des Leichnams ausgerichteten Konservierung. Es muß jedoch eingeräumt werden, daß die Obduktion der mumifizierten Leiche Tutenchamuns ob ihres schlechten Erhaltungszustandes eher Anlaß zu Enttäuschung gab und sich vor allem die Form der künstlichen Konservierung durch Dehydrierung des Gewebes mit Hilfe von Natron im alten Ägypten grundsätzlich von der im Falle Lenins angewandten Methode unterscheidet.
1924 hatten V.P. Vorob´ev und B.I. Zbarskij die 1893 von N.F. Mel´nikov-Razvedenkov entwickelte Formalin-Methode weiterentwickelt. Formalin ist ein starkes Antiseptikum, das die Verwesungsprozesse im Gewebe deaktiviert. Die von Vorob´ev und Zbarskij bei Lenin angewandte Konservierung durch die Formalin-Methode vollzieht sich 1. in der Fixierung des Gewebes in Formalin-Lösung, 2. der Durchtränkung des Gewebes mit 96%em Spiritus und 3. der Durchtränkung des Gewebes mit einer Glycerin-Kaliumazetat-Lösung. Die Bol´shaja Medicinskaja Enciklopedija (11) hebt hervor, daß durch die Weiterentwicklung der Methode nicht mehr nur die lange Erhaltung des balsamierten Körpers unter den verschiedenen klimatischen und äußeren Bedingungen möglich würde, sondern vor allem die vollkommene Erhaltung der "Porträteigenschaften" ("portretnoe sxvodstvo") des Konservierten. Offenbar steht das Bedürfnis nach der tunlichsten Bewahrung der äußeren Form und die langfristige Konservierung im Mittelpunkt der Einbalsamierung Lenins (im Unterschied zu den meisten indoeuropäischen Totenkulten, wie etwa auch die Leichenschau auf der Kathedra in der Ostkirche, die auf einen befristeten Erhalt des Körpers von max. 30 Tagen ausgerichtet sind). Die Bedeutung des Erhalts der porträthaften Eigenschaften kann einerseits mit dem im Sozialistischen Realismus intensiv entwickelten Bedürfnis nach Abbildhaftigkeit in Verbindung gebracht werden. Andererseits dient die Vorführung der Unsterblichkeit Lenins im Zusammenhang mit den prätextuell wirkenden Losungen wie "Lenin zhil, Lenin zhiv, Lenin budet zhit´.../ Lenin lebte, Lenin lebt, Lenin wird leben..." oder "Lenin zhivee zhivyx!/Lenin ist lebendiger als die Lebenden!" seiner weiteren Kanonisierung.

Sowohl im westeuropäischen Raum, wie im Falle der Kanonisierung der Hlg. Bernadette von Lourdes im Jahre 1926 auf Grund der Entdeckung der Unversehrtheit ihres Körpers, als auch in der Ostkirche, wie etwa im Falle des berühmten Kiever Höhlenkloster (Kievo-Peçerskaä lavra), in dem die mumifizierten Leichen der Mönche in den Katakomben besichtigt werden können, die neuerdings mit reichlichen Elementen einer mystischen Inszenierung ausgestattet sind, ist die dauerhafte Erhaltung des Körpers Ausdruck der Heiligkeit der Person. In den Heiligenviten ist das postume Wunder, das sich als Unversehrheit der Toten gestaltet, Bestandteil der appellativen, didaktischen Funktion des Heiligenlebens. Sie verweist den Gläubigen darauf, daß er Kraft der Nachahmung des musterhaften Lebens des Heiligen in der Lage sein würde, selbst den Tod zu überwinden und das ewige Leben zu erhalten. Im übrigen ist die Ewigkeitsvorstellung auch jenseits der Religionen im Verlaufe der kulturellen Entwicklung generell einer Evolution unterworfen, wie etwa im Falle des Eindringens von materialistischen Vorstellungen in die Heilserwartung in Form der sog. Kryologie, die davon ausgeht, daß der auf Grund einer Krankheit verstorbene Körper eingefroren werden kann, um unter wissenschaftlicher Aufsicht in dem Augenblick, wenn die Krankheit medizinisch besiegt und damit heilbar geworden ist, wieder aufgetaut und geheilt werden kann. (Im Falle des tiefgekühlten Lenins und Mao Tse-tungs wäre dies sicherlich eine sensationelle Vorstellung).
Die Einbalsamierung Lenins ist ein sprechendes Beispiel für die Transposition eines religiösen Rituals in die sozialistische, anti-religiöse Sphäre. Wie wir gesehen haben, folgt dabei sowohl die Bildnismalerei als auch das postume Wunder der Konservierung Lenins bestimmten aus der Liturgie der Ostkirche übernommenen Ritualen und Vorstellungen. Dabei erscheint nicht etwa - wie im Falle der altägyptischen Bestattungsriten - die Seele unsterblich, die des Erhalts der körperlichen Hülle bedarf, sondern die "Materie" von Lenins Körper ist identisch mit seiner Person. Ihre Unvergänglichkeit als Form der vollkommenen Beherrschung der Materie bedeutet seine Unsterblichkeit. Der Körper Lenins wird in eine Funktionalisierungstotalität eingebunden und als offizieller "lebender Leichnam" (12) nach den ideologischen Bedürfnissen der Gesellschaft instrumentalisiert: "To myriads of peasants, whose religious instincts were repressed under revolution, the mausoleum soon became a place of pilgrimage, the queer Mecca of an atheistic creed which needed a prophet and saints, a holy sepulchre and icons." (13).
Wie jedem kulurhistorischen Denkmal, wie der Nekropole des Kapuzinerklosters in Palermo und der Mumie von Ramses II., gebührt auch Lenins Leichnam der dauerhafte Erhalt für die nachfolgenden Generationen. Die neuerdings in Erwägung gezogene Bestattung Lenins im Grabe seiner Mutter in St. Petersburg ist daher abzulehnen.


Anmerkungen:

(1) Winter, Gundolf, Zwischen Individualität und Idealität. Die Bildnisbüste. Studien zu Thema, Medium, Form und Entwicklungsgeschichte, Stuttgart 1985, S. 14
(2) Der Objektbezug bezieht sich auf die Sicht vom Porträtierten aus. Vgl. Waetzoldt, Wilhelm, Die Kunst des Porträts. Leipzig 1908
(3) D.h., den Subjektbezug des Porträts, vgl. Waetzoldt, a.a.O.
(4) Vgl. die erste Definition des Sozialistischen Realismus im "Statut des
Verbandes der Schriftsteller" anläßlich des Ersten Kongreßes der sowjetischen Schriftsteller 1934: "Der sozialistische Realismus, der die Hauptmethode der sowjetischen schönen Literatur und Literaturkritik darstellt, fordert vom Künstler wahrheitsgetreue, historisch konkrete Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung." (Dokument Nr. 32 in: Schmitt, Hans-Jürgen; Schramm, Godehard (Hrsg.), Sozialistische Realismuskonzeptionen. Dokumente zum 1. Allunionskongreß der Schriftsteller, Frankfurt a.M. 1974, S. 390). In dieser Definition offenbart sich ein evidenter Widerspruch: Die Forderung nach "historisch-konkreter Darstellung der Wirklichkeit" steht einer utopistischen Wirklichkeitsauffassung ("in ihrer revolutionären Entwicklung") gegenüber. Damit sieht sich die Kunst vor die unlösbare Aufgabe gestellt, die Lücke zwischen den Gegebenheiten des realen Lebens und dem unrealisierbaren Kommunismuskonzept zu schließen und in visuellen Illusionen "Spiegel einer nicht-existenten Wirklichkeit ("mirror of non-existing reality", vgl. Aksyonov-Meerson, Mikhail, The Art of Socialist Realism, in A-Ja 3/1981, S. 58 f.) zu sein.
(5) Berdyaev, Nikolas, The Russian Revolution. Two Essays on its impilcations in Religion and Psychology, London 1932, S. 10
(6) Clark, Katerina, The Soviet Novel: History as Ritual, Chicago 1985
(7) Günther, Hans, Die Verstaatlichung der Literatur: Entstehung und Funktionsweisen des sozialistisch-realistischen Kanons in der sowjetischen Literatur der 30er Jahre, Stuttgart 1984
(8) Tumarkin, Nina, Lenin lives! The Lenin Cult in Soviet Russia,
Cambridge/Mass., London 1983
(9) Vgl. Deckert, Hermann. Zum Begriff des Porträts, in: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft 5/1929, S. 261 ff.
(10) Vgl. Bol´shaja Sovetskaja Enciklopedija, Moskau 1954, S. 593
(11) Vgl. Bol´shaja Medicinskaä Enciklopedija, Moskau 1975, S. 539 f.
(12) Vgl. Naumann, Hans, Primitive Gemeinschaftskultur. Beiträge zur Volkskunde und Mythologie, Jena 1921
(13) Vgl. Deutscher, Isaac, Stalin. A political biography, London 1958